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Donnerstag, 11. April 2013

Gegen die eigene Ohnmacht: In kleinen Kreisen die ganze Welt retten

  Manchmal könnte man verzweifeln an den Problemen dieser Welt. Kriege dort, Hungersnöte da, Erdbeben dort ... und das Gefühl zu klein und unbedeutend zu sein, um dagegen etwas ausrichten zu können. 
Vielleicht ist es ja aber auch nur die Perspektive, von der aus wir die Welt betrachten, beziehungsweise aus der sie uns näher gebracht wird. Speziell von den Medien. Und es bricht über uns herein - und lähmt uns.
Was mich an den Tag erinnert, an dem ich, das Kind aus dem Dschungel, in der Sierra Nevada zum ersten Mal auf Skiern gestanden bin. Mark hat mich einen steilen Hang hinter unserer Berghütte hinaufgejagt. Da bin ich dann gestanden, den starren Blick auf die Hütte gerichtet, die weit unten und doch so bedrohlich nah vor mir gelegen ist. Ein großes und viel zu hartes Hindernis., das meine Skier magisch anzuziehen schien.
"Fang mit einem Pflug an, und dann mach den nächsten in die andere Richtung." Das war Marks Vorschlag. Ich stand aber weiterhin nur da und deutete unsicher auf die Hütte. 
"Aber ...". Mehr brachte ich nicht heraus. 
"Die Hütte hat dich nicht zu interessieren. Konzentriere dich immer nur auf die drei Meter vor dir!"
Der Rest war ein Kinderspiel. Nun ja, fast ein Kinderspiel.
Vielleicht sollten wir auf diese Weise auch "die Welt retten". Immer genau die nächsten drei Meter im Blick. Und in diesem überschaubaren Radius die Probleme erkennen und lösen helfen. Mit Menschen zusammen, deren Radien sich mit dem eigenen überlappen. 
Und schnell werden wir Glieder einer Kette, einer " Lichterkette", die am Ende Hoffnung ins Dunkel bringt, bis in den letzten Winkel der Welt.

Montag, 1. April 2013

Saeta-Sängerinnen in Sevilla: Karfreitags-Umzug mit Gänsehaut pur

Wer jetzt in Sevilla unterwegs war, zur Semana Santa und an einem der "Karfreitags-Umzüge teilgenommen hat, hat sie wieder gehört. Die Saeta-Sängerinnen auf den Balkonen der Stadt. Eingebettet in ein Karfreitags-Klangmonster, das die engen Gassen und Plätze mit getragenen Kirchenliedern, wie wir sie hier von Fronleichnam-Prozessionen noch kennen, genauso erfüllt, wie mit schriller Marschmusik mit fast karnevalistischem Einschlag. Und dazwischen immer wieder die dumpfen Trommeln, die die erschöpften Träger unter den zentnerschweren Christus- und Marienfiguren weitertreiben..
Und dann sie: Wie ein "Pfeil" (saeta) steigt ihr Gesang, ihr Bittgebet, auf  in den Himmel, während alles andere in den Gassen schweigt. und stillsteht - wie die Zeit.
Und mit dem ersten Ton ihrer Stimme kommt etwas in die Welt, was über uns hinausreicht.
Manche nennen es Gott.




Ich liebe Flamenco, ich liebe Rilke, ich liebe seine "spanische Tänzerin"

Ich liebe Flamenco. Denn es ist die Musik der Andalusier, und nirgends habe ich mein Leben mehr genossen als dort. Speziell die Bulería, die keiner meiner Freunde besser vortragen kann als Sánchez, der Verwalter unserer Hazienda. Cante jondo, tiefer Gesang, den Flamenco-Enthusiasten so lieben und Menschen, die keine Fans dieser Musik sind, schon nach wenigen Minuten auf den Geist geht - weil er ihnen aufs Gemüt schlägt.
 
Denn kein Gesang transportiert den Schmerz, die Wut und die Enttäuschung besser. Vielleicht noch der Fado der Portugiesen. Dieser ist aber insgesamt gefälliger, weicher und melancholischer, was wohl gerade deshalb der deutschen Seele mehr liegt als der Flamenco, der herausschreit, ja geradezu herauskotzt, was falsch ist an dieser Welt und dem Leben in ihr.
 
Der Sänger und sein Cante jondo ist - wie in einer Rockgruppe auch - die Hauptperson. Die Leute, die in die Hände schlagen, quasi das Schlagzeug der Gruppe, ja selbst die Gitarristen, die meistVirtuosen sind auf ihrem Instrument, sind da nur Beiwerk, der Klangkörper der Gruppe. Die unangefochtene Nummer Zwei aber - und das unterscheidet Flamenco von Rock und Pop, sind die Tänzer, die in der Rockmusik völlig verpönt und im Pop zu Background-Hüpfdohlen degradiert sind.
 
Im Flamenco aber haben sie eine tragende Rolle, und ihr Körper drückt genau das aus, was die Stimme des Sängers uns gerade mitgeteilt hat: Trauer, Wut und Hass. Aber dazu kommt der Stolz, der sich in jeder Pose ausdrückt.
`Niemand kriegt mich klein. Eher zertrete ich im Staub, was mir das Leben schwer macht.´
 
Neben dem Flamenco liebe ich Rilke. Und offensichtlich hat dieser wunderbare Poet auch den Flamenco geliebt, zumindest aber Flamenco-Tänzerinnen:
 
Die spanische Tänzerin
Wie in der Hand ein Schwefelzündholz, weiß,
eh es zur Flamme kommt, nach allen Seiten
zuckende Zungen streckt -: beginnt im Kreis
naher Beschauer hastig, hell und heiß
ihr runder Tanz sich zuckend auszubreiten
Und plötzlich ist er Flamme, ganz und gar.
Mit einem Blick entzündet sie ihr Haar
und dreht auf einmal mit gewagter Kunst
ihr ganzes Kleid in diese Feuersbrunst,
aus welcher sich, wie Schlangen die erschrecken,
die nackten Arme wach und klappernd strecken.
Und dann: als würde ihr das Feuer knapp,
nimmt sie es ganz zusamm und wirft es ab
sehr herrisch, mit hochmütiger Gebärde
und schaut: da liegt es rasend auf der Erde
und flammt noch immer und ergiebt sich nicht —
Doch sieghaft, sicher und mit einem süßen
grüßenden Lächeln hebt sie ihr Gesicht
und stampft es aus mit kleinen Füßen.

Rainer Maria Rilke, 1875-1926

Freitag, 29. März 2013

Leseprobe aus "Munin - die Eulenträgerin"

Heute, kurz vor Ostern, will ich doch auch einmal eine Leseprobe meines Romans "Munin - die Eulenträgerin" posten.
Der Roman existiert zur Zeit in zwei Bänden. Drei weitere werden folgen. Gleichzeitig habe ich diese beiden gedruckten Bände in vier Teilen als E-Books veröffentlicht. Für alle die, die bei der Auswahl ihrer Lektüre nur ein minimales Risiko eingehen wollen, empfehle ich, erst einmal nur das erste E-Books für 99 Cent zu erwerben.Schnell werden Sie wissen, ob Ihnen gefällt, was und wie ich schreibe.


Leseprobe:



Am nächsten Morgen wachte ich auf – in meinem Bett, völlig nackt. Das Bettlaken war braun von Sand, und ich wunderte mich, denn ich konnte mir zunächst keinen Reim darauf machen. Und wollte das auch gar nicht, denn ich war voller Energie. Ich musste geschlafen haben wie ein Stein, wie seit Wochen nicht mehr. Mit einer Siegessicherheit sah ich in den Spiegel, wie schon lange nicht mehr – und sah diese wunderschöne Frau vor mir, und es erschreckte mich nicht. Du bist etwas ganz Besonderes. Ich musterte neugierig dieses Gesicht und spürte zum ersten Mal, dass es gut war, dass dies mein Gesicht war.
Mit diesem neuen Selbstbewusstsein ging ich in die Facharzt-Prüfung, lächelte meinen Tutor das erste Mal an, dass er überrascht darüber ganz verlegen wurde, nahm meinen Prüfungsbogen lächelnd von ihm entgegen, und mein Lächeln wurde zum Dauergrinsen, als Frage für Frage sich als läppisch herausstellte, als mein Wissen, von dem ich glaubte, es würde niemals genügen, alle Fragen mit Antworten umzingelte, bis sie sich mir ergaben, gab mit dem Rest dieses Grinsens die Blätter ab, lange vor der Zweiten, die heute maximal die Zweitbeste sein würde, das wusste ich und ging.
Draußen zog ich meine Schnürstöckel aus und tanzte mein rotes Kleid die breite Steintreppe des Seminargebäudes hinunter und drehte mich über den anschließenden Kiesweg.
Ich war endlich angekommen, das spürte ich. Zwischen den Welten, das war mein Platz! Ich hätte schreien können vor Vergnügen, nicht dazuzugehören, frei zu sein, frei von den Zwängen einer Mitgliedschaft. Ich lachte laut, dann kicherte ich erschrocken – mit der Hand vor dem Mund. Wie obszön, meine Liebe! Mitglied, aber keine Mitgliedschaft. Ich lachte, bis mir die Tränen in die Augen traten. Verdammt, wie wahr. Was ich mir als Beschwernis meines Lebens eingeredet hatte – bis zur Depression, machte mich in Wirklichkeit frei. Ich war vogelfrei, weil keine Kategorie mich gefangen nehmen konnte. Ich war das eine und das andere, und weil ich das war, war ich weder das eine noch das andere. Ich war der Hermaphrodit, Hermes und Aphrodite, Jesus und Maria – und doch beides auch wieder nicht. Ich war auch nicht die Schwarze Madonna, ich war eine schwarze Madonna.
Ich hörte auf zu tanzen und stand plötzlich wie erstarrt. Ich lauschte meinen Gedanken hinterher. Und in dieser Sekunde ahnte ich es. Diese schwarze Madonna hatte eine große Aufgabe zu erfüllen. Welche das war, würde sich noch zeigen müssen.
Ich fühlte mich vollkommen relaxt, wie Knete, hingegeben dem Leben. Und so konnte es mich endlich nehmen, wie ein Liebhaber, der seine Geliebte auch nur nehmen konnte, wenn sie sich ihm hingab. Und an diesem sonnigen Tag im Spätsommer des Jahres 2004 nahm mich das Schicksal und formte mich zu seinem Werkzeug.
Und ich war bereit und freute mich auf das, was kommen würde.

Samstag, 16. März 2013

Mein Munin-Mantra - eine Fantasiereise durchs Leben


Foto: by-sassi  / pixelio.de
Warum Mantras?
Die Frage habe ich schon oft gehört. Aber immer nur von denen, die Mantras entweder nie benutzt oder zu früh ihr Urteil über sie gefällt und deshalb viel zu schnell aufgegeben haben.
Warum es selbst in der heutigen Zeit, in der wir in einem Maße selbstbestimmt sein können und dürfen - wie früher nur Kaiser und Könige, eine so große Skepsis Mantras gegenüber gibt, wundert mich doch sehr. Passen diese Mantras, diese Selbstaffirmationen, doch so ausgezeichnet zu unserer Selbstbestimmtheit.
Foto: Andreas Hermsdorf  / pixelio.de
Am eigenen Schopfe sich aus dem Sumpf ziehen. Die Münchhausen-Literatur hat uns wohl ein für alle Mal auf die falsche Fährte geführt. Denn dieses milde, nachsichtige Lächeln für diesen vermeintlichen Schelmenstreich, ist ein Kardinalfehler unserer Erkenntnis, so wahr die "Physik des Lebens" weit mehr ist als Physik. Diese Physik mag ja für sich recht haben, wenn sie sagt, dass selbst der Stärkste sich nicht am eigenen Schopf aus iegal was immer herausziehen kann.
Wer denn sonst, wenn nicht er?, frage ich mich. Wenn keine Hilfe da ist.
Genau dieses Wissen darum, dass wir uns oft, sehr oft, nur selbst helfen können, setzt in uns die Kräfte doch erst frei, die in solchen Fällen gebraucht werden. Erst ganz am Ende, wenn diese Kräfte dann doch nicht ausgereicht haben, bleibt immer noch Zeit genug an dieser Welt zu verzweifeln. Aber keine Sekunde vorher
Foto: Ich  / pixelio.de
Genau dafür sind Mantras da. Sie sollen uns in ruhigen Minuten unserer inneren Kraft versichern, die dann in Gefahrensituationen um so besser abgerufen werden kann
Weil diese Kräfte immer nur in uns selbst sind, vertraue ich in diesem Zusammenhang ganz besonders auf die suggestive Kraft meiner eigenen Stimme - weniger auf die eines Therapeuten. Deshalb habe ich für meine Mantras nicht nur eigene Texte kreiert, sondern sie auch mit meiner eigenen Stimme aufgenommen und diese Aufnahme schließlich mit meiner Lieblingsmusik untermalt.
Diese Aufnahme ist seitdem mein täglicher Begleiter. Mit diesem »meinem Mantra« weckt mich mein Computer jeden Morgen.
Gerne würde ich Euch diese Aufnahme zur Verfügung stellen, aber zum einen geht das aus rechtlichen Gründen nicht, denn meine Lieblingsmusik ist eine mit einem Copyright geschützte Aufnahme. Zum andern ist es ja, wie oben erwähnt, viel besser, die eigene Stimme zu verwenden.
Den Text meines Mantras aber kann ich hier liefern. Es soll Euch aber nur die Anregung dafür liefern, Euer eigenes Mantra zu schreiben.
Wie sehr ich an meine innere Kraft glaube, wie sehr ich davon überzeugt bin, dass Gott in uns ist, dass jeder von uns dieser Gott ist, beweist dieses Mantra. Nur mit uns ist das Göttliche in die Welt getreten - aber auch das Teuflische. Es liegt deshalb an jedem einzelnen von uns, diese Welt, die wir sind, immer wieder am eigenen Schopf aus dem Chaos zu ziehen.

Mein Mantra:

Hinunter! Zum Wasser. Zur Laguna. Zur Pforte - in mich. Mein grüner Pfad,: ein Teppich, gewoben aus reiner Farbe zu edlen und zarten Formen. Oder doch nur Blüten und bunte Vögel? Aber Stimmen und Töne, wie ein Dom über allem - zum Einsingen, zum Kleinsingen schön. Melodien des Lebens: Sie tragen.
Foto: Frank Leber / pixelio.de
Endlich, die Lagune, ein Ort zum Träumen. Und draußen das Meer. So nah. Glaube ich, was ich sehe? Diamanten tanzen auf den Wellen. Der Wasserfall neben mir schüttet sie aus, als täte er dies schon immer, ganz beiläufig eben.

Wann wirst du fragen, ob es genug war?
Seine Gicht kühlt die Haut, lässt sie leuchten.
Seht her! Ich bin ein Gott aus purem Gold. Ich bin das Licht.
Es füllt die Lagune. Wie eine flache Opferschale hängt sie in der Felswand zum Meer.
Bin ich die Flamme auf ihr?
Will ich hinunter, will ich hinein? Oder schwebe ich lieber darüber?
Ich bin bereit, aber schwebe oder falle ich?
Möglich, dass es sich anfühlt wie frei sein, vielleicht aber steht, wenn ich nur weiter meine Arme ausbreite, die Zeit. Ich bin der Schöpfer der Welt. Ich schwebe, oder ist es Fliegen? Fliege ich, weil ich es kann oder falle ich, weil ich muss? Muss ich loslassen, muss ich hinunter, muss ich? Ich muss - hinein. -
Foto: oakant  / pixelio.de
Kalt ist das Wasser, kälter als die Nebel des Wasserfalls, mein Kopf ist kristallklar.
Gehöre ich hierher?
Ich hole Atem - wie von selbst. Also gehöre ich hierher. Und los jetzt! - wie ein Torpedo. Das Spiel beginnt. Tanzen, dahingleiten, schweben, schwerelos schweben - und ab die Post.
Da, meine Füße. Hinterher! Füße wie Flossen. Und das ist gut so. Bin ich ein Seehund, ein Schnabeltier, eine Meerjungfrau? Vielleicht wechsle ich ja meine Form wie ein Krake seine Farben?
Die Welt, ein Spiel, ein ewiger Reigen von Formen und Farben, Bewegung. Das Leben ein Dahinjagen - Lebensfreude pur.
Foto: s.ledwig /pixelio.de
Doch jetzt hoch hinauf in die Himmel. Hinaus aus dem Wasser.
Blumen erwachsen aus meinem Fell, winzige Pflänzchen darin werden zu Büschen. Ich schraube mich auf zu einem tanzenden Wald. Bis in die Himmel greifen meine Zweige und Äste. Blütenstaub verwirble ich und fülle den nachtschwarzen Himmel mit Milchstraßen. Ich ergreife diese azurblaue Kugel vor mir und streichle sie sanft. Ich erkenne den Punkt auf ihr, der meine Lagune ist. Ein winziger Punkt an der Grenze des lebendigen Grüns und des ewigen Blaus. Ich spüre mein knorriges Baumgesicht lächeln.
Ich jage zurück. Mein Schweif aus Bäumen, Büschen und Blüten raschelt im Fahrtwind, wie ein Komet.
Ein seltsamer Komet, werden sie denken - dort unten. Ich werfe mich wie ein Mantel über die Landschaft und vereine mich mit dem Dschungel wie mit einer Geliebten.
Und endlich tauche ich wieder in meine Lagune und jage lachend durch die Algen. Halali. Die Jagd bin ich. Sucht besser das Weite! Aber vielleicht will ich ja doch nur spielen, wer weiß?
Zu schwarzen Flügel werden jetzt meine Flossen, mit schnellen Fügelschlägen sause ich durchs Wasser. Jetzt aber hinaus - in die klare Luft. Als Kormoran.
Ich bin ein wilder Segler der Lüfte, der Seehund der Lüfte. Die Jagd geht weiter. Haltet eure Federn am Leib, ihr gefiederten Freunde, ich bin auf der Jagd.
Meine Schwingen werden weiter, sie tragen mich. Ich lege mich auf den Wind wie auf ein Bett, ich fühle majestätische Kraft. Hoch hinaus. Erhabenheit. Ich, der Adler, Herrscher der Lüfte, Wächter über die Welt. Mit unbestechlichen Augen hüte ich Erde und All. Ich bin der Aar, ich bin der Wind über allem, der Sturm. - Ich bin ein großer Gesang.
Ich schwebe - Stille - nur mein Rufen. Mein Wächterruf zur vollen Stunde - hinunter von meinem ewigen Turm.
Foto: M. Uderhardt  / pixelio.de
Ich steige höher und werde zum Manta. Meine Tiefen schwingen. Ich wabe mit schwerem Flügelschlag durch das Universum. An meinem Stachel entstehen neue Welten. Unendliche Weiten. Meine Wächteraugen umspannen alle Galaxien, alle Kulturen, alles Lebende. Alles, was da ist, zieht durch mein weit geöffnetes Maul. In meinem Innern mustern die Millionen meiner inneren Augen, was durch mich hindurchzieht und erstatten Bericht. Schlaft ruhig! Ich wache und mache mir ein Bild von allem! -
Die Zeit der Rückkehr naht.
Dort ist das Schwarzes Loch, mein Fahrstuhl. Wie Phoenix werde ich zurückkehren - bald.
Doch die Zeitreise zurück ist nicht ohne Gefahr. Es gilt, die Welt erneut zu erschaffen. Nach dem uralten Plan, dem einzig denkbaren, dem einzig gültigen Plan.
Hier und Jetzt. An dieser Stelle, dem Ort des reinen Nichts.
Ich bin dieses Nichts, und ich muss brennen, und ich werde brennen und explodieren in diesem Nichts in die Welt, in das Neue, das Nie-Gewesene und doch Immer-wieder-Geborene. Es ist das Chaos, das ich anrichte aus dem Nichts.
Konzentration.
Gedanken werden Energie, das ist das Geheimnis. In alle Richtungen jagt sie davon und wird zu Materie, wird zu Sternen, wird zu Fels - nach seinen Gesetzen, nach meinen Gesetzen, den einzig denkbaren Gesetzen.
Ich erkenne mich in diesen Urgewalten und mache mir ein Bild von mir. Ich bin der - von Anfang an - der ich sein werde am Ende der Reise. Das ist die Aufgabe, der Sinn, und er gefällig mir:
Du wirst das Bild, das du von dir machst, zum Leben erwecken, in Fleisch und Blut transferieren.
So hebe ich endlich meinen Arm und deute hinein in das Chaos, und alles geschieht, geschieht nach seinem Willen, geschieht nach meinem Willen.
Foto: Peter Heinrich  / pixelio.de
Ich werde Fels, ich werde Wasser, ich sammle mich zu Meeren. Und wieder deute ich um mich herum und bin in Aberbillionen von Wesen, deren Natur noch das Wasser ist. Ich werde zu Pflanzen, in meinen Armen schlafen Wälder ein, ich bin das Rauschen über ihnen. Ich trage schließlich die Natur der Fische in mir. Ich gehe an Land und richte mich auf zu gewaltigen Geschöpfen - und gehe mit ihnen wieder unter, um mit anderen wieder aufzuerstehen. Und behalte und bewahre. Immer das Beste einer jeden Art - bin angetreten nie zu vergessen. Niemals mehr zu vergessen. Bin angetreten, allwissend zu werden. Allmächtig.
Regenerieren, immer wieder zusammenfügen, um neu zu beginnen, das ist die Zauberformel, und sie ist in mir. In verborgenen Tiefen, die sich mir jetzt - genau in diesem Augenblick - wieder eröffnen. Jetzt! -
Foto: Rainer Sturm  / pixelio.de
Das ist die Wahrheit in allem. Dass alles zusammengehört, dass alles eins ist. Die eine Wahrheit.-
Und da ist noch eine zweite Wahrheit. Ein zweites ehernes Gesetz. Aus allem Anfang.
Und ich gehorche, gehorche auch jenem Gesetz, das aus mir kommt, und dem ich mich fügen muss wie alle Götter sich dem fügen müssen, was sie erschaffen haben.
Und so schlage ich mit Demut und mit Freuden ein Rad - und werde Pfau.
Mein Rascheln lockt alles Fremde in meinen Bann. Wie Feen schwebt es durch meinen Fächerschweif.
Sie entkleiden mich, ziehen mich aus meinem Federkleid - wie Kammerjungfern. Und ich erkenne, dass ich nackt bin, ein entblößter Gott.
Die Feen sind jetzt in mir. Das Spiel hat begonnen. Das Spiel des Eros. Der Reigen der Liebe. Meine Kammerjungfern halten mir einen Spiegel vor. Und ich erkenne mich.
Die Feen fassen sich bei den Händen und beginnen in immer wilderen Kreisen zu tanzen, in verwirrenden Meandern und Wirbeln - immer schneller drehen sie sich: Es ist die Pirouette IHRER Geburt, die Geburt meiner Prinzessin, meiner Göttin, meines Spiegelwesens. Sie umfließt mich wie flüssiges Gold, sie schmeichelt, sie liebkost. Wir fließen ineinander, sie wird ich, ich bin sie - jetzt sind wir das janusköpfige Wesen, der Hermaphrodit: Jesus und Maria. Wir verwirbeln zur Schwarzen Göttin.
Und sind eins, die tief verborgene Erinnerung an die Urform des Seins, der Nachgeschmack des reinen Nichts, der höchsten Symmetrie. Die reinste Form der Umarmung.
In u n s e r e r Umarmung entsteht u n s e r e Welt. In einem Kuss.
Foto: Martin Büdenbender  / pixelio.de
Und in einem Meer von Farben, Geräuschen und Gerüchen bin ich in dieser Welt ewiger Gestaltwandler, sind wir Gestaltwandler, sind noch einmal und immer wieder, jetzt aber gemeinsam, die Reihe der Wesen, aus der wir hervorgegangen sind, und alles liegt ganz klar vor uns: alle Fähigkeiten und Kräfte, die uns bis hierher gebracht haben: Und wir fliegen und schwimmen - und jagen mit fliehenden Herden über die Erde. Wir sind im Gleichklang mit dem ewigen Strom: Wir wachsen, gegen das Vergehen steht unser unbeugsamer Wille zum Werden. Der Jungbrunnen ist in uns. Animalische Kräfte, unbegrenzte Möglichkeiten. Denn wir, das Spiegelwesen, sind dies alles: das Erschaffene und sein ewiges Fortschreiten aus sich.
Mit unseren Kinderaugen, neugierig, unstillbar neugierig, sehen wir auf das, was kommt. Den Baum der Erkenntnis haben w i r uns gepflanzt. Gegen das Vergessen. Und für unsere Rückkehr.
Foto: LouPe  / pixelio.de

Montag, 11. Februar 2013

Die fremde Saat geht langsam auf

Einen interessanten Artikel habe ich kürzlich gelesen, der mich schnell wieder an meine außerirdische Herkunft erinnert hat. Denn auch ich bin aus dem Wissen entstanden, das die Wissenschaftler meines Herkunftsvolkes, den Oronen, einst in DNA-Speicher verpackt und hinaus ins Universum geschickt haben.
So ähnlich ist es jetzt hier auf der Erde offensichtlich den Forschern des neuen Volk, dem ich inzwischen angehöre, gelungen.
Mit dem Unterschied, dass die Oronen die Information zusätzlich in den verschiedenen Isotopen der einzelnen Atome der Erbsubstanz-Bausteine abgespeichert haben, was die Speichersubstanz noch einmal um ein vielfaches verkleinert hat. Diese Isotopen-DNA-Speicher sind dann in sogenannte Vektoren gepackt worden, die das in ihnen abgelegte Wissen einer untergegangenen Welt  - und meine Erbsubstanz - beim Auftreffen auf fremden Planeten in die Erbsubstanz der dort lebenden Wesen infiltrieren konnten.
Diese "Saat" ist hier auf der Erde seit langem am Aufgehen - und vielleicht gleichzeitig auf anderen Planeten. Aber in dieser "Saat" liegt noch mehr verborgen, viel mehr.
Und nicht nur Segensreiches. Denn mit mir ist Kerlog hier eingetroffen. Doch was noch schlimmer ist: zusammen mit seiner Geliebten.

Die digitale Welt ist eine Welt aus Nullen und Einsen, den sogenannten Bits (binary digits). Und so wird sie auch abgespeichert. Egal ob auf einer CD, einem Laufwerk oder einem Magnetband. Und diese Speicher können auf immer kleinerem Raum immer mehr dieser zwei Zeichen ablegen. Diese ungeheure Informationsdichte wäre aber nichts im Vergleich zu einem Speicher aus DNA. Das menschliche Genom zum Beispiel besteht aus etwa drei Milliarden Basenpaaren, demnach könnte man auf ihm drei Milliarden Bits unterbringen. Ganze drei Pikogramm (eine Billion Pikogramm entspricht einem Gramm) würde das wiegen.
Wissenschaftlern ist es jetzt gelungen, immerhin fünf größere MP-3-Dateien in DNA-Code umzuschreiben. Fehlerfrei. Eine mit dem bloßen Auge nicht erkennbare Menge Erbsubstanz, die in einem DNA-Sequenzierer wieder ausgelesen werden konnte.
Das gesamte gespeicherte riesige Wissen des CERNS würde gerade einmal 40 Gramm DNA-Speicher ergeben.

Samstag, 12. Januar 2013

Jetzt auch ein Leben zwischen Buchdeckeln

Traurig, meint Ihr? Ein Leben aus zweiter Hand so ein Leben zwischen Buchdeckeln? Wahrscheinlich habt Ihr recht. Aber ist das Leben aus "Fleisch und Blut" am Ende nicht auch nur eines, das in der Einsamkeit der Schaltkreise unserer Nervenzellen stattfindet? Und damit auch nur "beschreibend"; nur eine Vorstellung von dem, was in diesem Draußen vor sich geht.
Geschmacksache, also. Und in beiden Fällen Fantasy pur.
Apropos: Hier, in meinem neuen Zuhause, zwischen den Buchseiten strömt mir der Duft von Druckerschwärze und feinem Papier um die Nase. Der Duft, aus dem die großen Träume sind. Und dieses sanft schabende Geräusch in meinen Ohren, das entsteht, wenn Daumen und Zeigefinger meiner Leser die Seite vom noch Ungelesenen lösen - ungeduldig, um sie umzuschlagen, noch bevor der Sinn des letzten Satzes auf dieser Seite in den Schaltkreisen ihrer Nervenzellen angekommen ist.
Gänsehaut macht mir das.
Und dieses unbestimmte Gefühl, Teil eines ungeahnten, un"fass"baren Ganzen zu sein, lässt mich wohlig erschauernd auferstehen in der Gedankenwelt, in der "Fantasy" meiner Leser.
Und ich, Munin, die Eulenträgerin, die Schamanin erwache inmitten meines Sippenkörpers.
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