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Montag, 1. April 2013

Ich liebe Flamenco, ich liebe Rilke, ich liebe seine "spanische Tänzerin"

Ich liebe Flamenco. Denn es ist die Musik der Andalusier, und nirgends habe ich mein Leben mehr genossen als dort. Speziell die Bulería, die keiner meiner Freunde besser vortragen kann als Sánchez, der Verwalter unserer Hazienda. Cante jondo, tiefer Gesang, den Flamenco-Enthusiasten so lieben und Menschen, die keine Fans dieser Musik sind, schon nach wenigen Minuten auf den Geist geht - weil er ihnen aufs Gemüt schlägt.
 
Denn kein Gesang transportiert den Schmerz, die Wut und die Enttäuschung besser. Vielleicht noch der Fado der Portugiesen. Dieser ist aber insgesamt gefälliger, weicher und melancholischer, was wohl gerade deshalb der deutschen Seele mehr liegt als der Flamenco, der herausschreit, ja geradezu herauskotzt, was falsch ist an dieser Welt und dem Leben in ihr.
 
Der Sänger und sein Cante jondo ist - wie in einer Rockgruppe auch - die Hauptperson. Die Leute, die in die Hände schlagen, quasi das Schlagzeug der Gruppe, ja selbst die Gitarristen, die meistVirtuosen sind auf ihrem Instrument, sind da nur Beiwerk, der Klangkörper der Gruppe. Die unangefochtene Nummer Zwei aber - und das unterscheidet Flamenco von Rock und Pop, sind die Tänzer, die in der Rockmusik völlig verpönt und im Pop zu Background-Hüpfdohlen degradiert sind.
 
Im Flamenco aber haben sie eine tragende Rolle, und ihr Körper drückt genau das aus, was die Stimme des Sängers uns gerade mitgeteilt hat: Trauer, Wut und Hass. Aber dazu kommt der Stolz, der sich in jeder Pose ausdrückt.
`Niemand kriegt mich klein. Eher zertrete ich im Staub, was mir das Leben schwer macht.´
 
Neben dem Flamenco liebe ich Rilke. Und offensichtlich hat dieser wunderbare Poet auch den Flamenco geliebt, zumindest aber Flamenco-Tänzerinnen:
 
Die spanische Tänzerin
Wie in der Hand ein Schwefelzündholz, weiß,
eh es zur Flamme kommt, nach allen Seiten
zuckende Zungen streckt -: beginnt im Kreis
naher Beschauer hastig, hell und heiß
ihr runder Tanz sich zuckend auszubreiten
Und plötzlich ist er Flamme, ganz und gar.
Mit einem Blick entzündet sie ihr Haar
und dreht auf einmal mit gewagter Kunst
ihr ganzes Kleid in diese Feuersbrunst,
aus welcher sich, wie Schlangen die erschrecken,
die nackten Arme wach und klappernd strecken.
Und dann: als würde ihr das Feuer knapp,
nimmt sie es ganz zusamm und wirft es ab
sehr herrisch, mit hochmütiger Gebärde
und schaut: da liegt es rasend auf der Erde
und flammt noch immer und ergiebt sich nicht —
Doch sieghaft, sicher und mit einem süßen
grüßenden Lächeln hebt sie ihr Gesicht
und stampft es aus mit kleinen Füßen.

Rainer Maria Rilke, 1875-1926

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