Denn
kein Gesang transportiert den Schmerz, die Wut und die Enttäuschung
besser. Vielleicht noch der Fado der Portugiesen. Dieser ist aber
insgesamt gefälliger, weicher und melancholischer, was wohl gerade deshalb der
deutschen Seele mehr liegt als der Flamenco, der herausschreit, ja
geradezu herauskotzt, was falsch ist an dieser Welt und dem Leben in
ihr.
Der Sänger und sein Cante jondo ist - wie in einer Rockgruppe auch - die
Hauptperson. Die Leute, die in die Hände schlagen, quasi das Schlagzeug der
Gruppe, ja selbst die Gitarristen, die meistVirtuosen sind auf ihrem
Instrument, sind da nur Beiwerk, der Klangkörper der Gruppe. Die unangefochtene
Nummer Zwei aber - und das unterscheidet Flamenco von Rock und Pop, sind
die Tänzer, die in der Rockmusik völlig verpönt und im Pop zu
Background-Hüpfdohlen degradiert sind.
Im Flamenco aber haben sie
eine tragende Rolle, und ihr Körper drückt genau das aus, was die Stimme
des Sängers uns gerade mitgeteilt hat: Trauer, Wut und Hass. Aber dazu
kommt der Stolz, der sich in jeder Pose ausdrückt.
`Niemand kriegt mich
klein. Eher zertrete ich im Staub, was mir das Leben schwer macht.´
Neben
dem Flamenco liebe ich Rilke. Und offensichtlich hat dieser wunderbare
Poet auch den Flamenco geliebt, zumindest aber Flamenco-Tänzerinnen:
Die spanische Tänzerin
Wie in der Hand ein Schwefelzündholz, weiß,
eh es zur Flamme kommt, nach allen Seiten
zuckende Zungen streckt -: beginnt im Kreis
naher Beschauer hastig, hell und heiß
ihr runder Tanz sich zuckend auszubreiten
Und plötzlich ist er Flamme, ganz und gar.
Mit einem Blick entzündet sie ihr Haar
und dreht auf einmal mit gewagter Kunst
ihr ganzes Kleid in diese Feuersbrunst,
aus welcher sich, wie Schlangen die erschrecken,
die nackten Arme wach und klappernd strecken.
Und dann: als würde ihr das Feuer knapp,
nimmt sie es ganz zusamm und wirft es ab
sehr herrisch, mit hochmütiger Gebärde
und schaut: da liegt es rasend auf der Erde
und flammt noch immer und ergiebt sich nicht —
Doch sieghaft, sicher und mit einem süßen
grüßenden Lächeln hebt sie ihr Gesicht
und stampft es aus mit kleinen Füßen.
Rainer Maria Rilke, 1875-1926
Wie in der Hand ein Schwefelzündholz, weiß,
eh es zur Flamme kommt, nach allen Seiten
zuckende Zungen streckt -: beginnt im Kreis
naher Beschauer hastig, hell und heiß
ihr runder Tanz sich zuckend auszubreiten
Und plötzlich ist er Flamme, ganz und gar.
Mit einem Blick entzündet sie ihr Haar
und dreht auf einmal mit gewagter Kunst
ihr ganzes Kleid in diese Feuersbrunst,
aus welcher sich, wie Schlangen die erschrecken,
die nackten Arme wach und klappernd strecken.
Und dann: als würde ihr das Feuer knapp,
nimmt sie es ganz zusamm und wirft es ab
sehr herrisch, mit hochmütiger Gebärde
und schaut: da liegt es rasend auf der Erde
und flammt noch immer und ergiebt sich nicht —
Doch sieghaft, sicher und mit einem süßen
grüßenden Lächeln hebt sie ihr Gesicht
und stampft es aus mit kleinen Füßen.
Rainer Maria Rilke, 1875-1926
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