Eine zweite Leseprobe aus meinem zweiteiligen Roman "Munin - die Eulenträgerin
... Was Sanchez dann über die Fahrt zur Hazienda zu berichten hatte, ließ mich schließlich vollends an das glauben, was er mir zuvor berichtet hatte:
»Kannst du darüber reden?« Sanchez stellte Mark die Frage, nachdem er schon mehrere Kilometer gefahren war. Mark versuchte, sich ein wenig aufzurichten. Er tastete dabei vorsichtig nach den Köpfen der Säuglinge. Er glaubte zu spüren, dass sie noch atmeten. Zumindest fühlten sie sich warm an. Sanchez schaltete die Innenbeleuchtung ein, doch das Licht war zu schwach, um sich ein genaueres Bild machen zu können.
»Steinert und zwei Männer.« Mark erschrak selbst über seine Stimme, die nicht mehr als ein Krächzen war. »Sie haben sie den Grat hinuntergestoßen ... Alles, was danach passiert ist, hat Daniela so gewollt.«
Mark war mit seinen Gedanken weit weg, sah wieder die Stelle im Felshang und sah sie und ihr ruhiges Gesicht. Sanchez holte ihn aus seinen Gedanken zurück.
»Ich habe den Arzt zur Hazienda rufen lassen. Er wird sich um dich kümmern.«
Mark schüttelte den Kopf.
»Er soll sich um die Mädchen kümmern. Und sollten sie wirklich leben, wirst du ab sofort für sie verantwortlich sein.«
Sanchez fuhr herum, um dann aber schnell wieder auf die Straße zu sehen. »Und was ist mit dir? Du hast doch nicht etwa vor, an so einem Kratzer zu sterben?«
»Keine Ahnung, es ist meine erste Geburt.« Mark lächelte mühsam. »Ich habe ein paar Deals abgewickelt auf dem Weg. Zum Schluss hat es mich zehn Jahre gekostet, zehn Jahre Ausland, zehn Jahre kein Kontakt zu den Mädchen und keine Informationen über sie. Du wirst dich daran halten!«
Sanchez schnaufte böse.
»Das kann nicht dein Ernst sein?«
»Ich hätte es nicht geschafft … alleine.«
»Du hast es allein geschafft, so allein wie alles, was du bisher angepackt hast. Du willst dich drücken … verdammt, du willst sie abschieben, gib es zu!«
Mark musterte nachdenklich den Hinterkopf seines Freundes. Dann schüttelte er den Kopf, als wollte er damit auch eigene Zweifel abschütteln.
»Es ist, wie ich es gesagt habe. Halte es, für was du willst. Selbst wenn ich dir recht geben müsste, aus der Nummer komme ich nicht mehr raus.«
Sanchez wurde laut wie ganz selten nur. Selbst der Mann auf dem Beifahrersitz schrak zusammen, als er loswetterte
»Du brauchst uns, du brauchst mich … weil ohne uns verreckst du da draußen.
Mark schwieg lange.
»Und wenn schon … Da ist noch was. Ich will, dass sie dort oben beerdigt wird. Lass eine Kapelle darüber bauen.« Er wurde von einem neuen Gedanken gepackt und sah starr aus dem Seitenfenster in das Schneegestöber hinaus, das waagrecht an ihm vorbeistob. »... doch gibt es einen, der dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält«, murmelte er. Dann wendete er sich wieder an Sanchez: »Wie Hände. Die Zeit soll stillstehen, bis ... verdammt, bis sie sie wieder anstößt. Oder eben nicht!« Die letzten Worte stieß er wütend hervor.
Sanchez sah ihn verständnislos an, dann seinen Beifahrer.
»Wie meinst du das?«
Mark richtete sich noch weiter auf. Er glaubte eines der Kinder schmatzen zu hören und sah konzentriert zu den Köpfchen unterhalb seines Bauchnabels. Und tatsächlich, der eine winzige Mund bewegte sich. Er fühlte, wie sich etwas in ihm entspannen wollte.
»Habt ihr ein Blatt Papier, ich werde es aufzeichnen.«
Der Mann auf dem Beifahrersitz kramte im Handschuhfach und reichte dann Papier und Bleistift nach hinten. Und Mark begann zu zeichnen und gab Erklärungen dazu ab. Zehn lange Minuten.
Dann waren sie endlich am Ziel. Sanchez hob Mark aus dem Auto, so mühelos, als wären die mehr als neunzig Kilogramm ein Federgewicht.
In diesem Moment fuhr ein weiterer Wagen vor. Ein älterer Mann mit Arztkoffer verließ den Wagen, stemmte sich gegen den Sturm, kam mühsam näher, gab schnelle Anweisungen und eilte dann in den Schutz der Veranda, wo er beinahe mit Gabriela zusammenstieß, die mit ausgebreiteten Armen und drei melodiösen »Madonna Maria« zu ihrem Bruder und Mark hinuntereilen wollte.
»Halt, hiergeblieben!«, befahl der Arzt. »Ich brauche heißes Wasser, einen freien Tisch, Handtücher … und einen Brutkasten.«
Gabriela sah ihn zweifelnd an. Dr. Martin Grosso war bekannt für seine Vorliebe für dunkle spanische Rotweine. Doch es blieb dabei, er bestand auf einen Brutkasten. Deshalb machte sie schnell kehrt und ging dem Arzt voraus ins Haus. Sanchez folgte mit Mark auf den Armen.
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